Mit Baby in der Sitzung: Grünen-Stadträtin bekommt Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung

Der Vorwurf: Kindeswohlgefährdung. Weil sie ihr sechs Monate altes Baby mit in eine Weimarer Stadtratssitzung genommen hat, bekam die Landessprecherin der Thüringer Grünen, Ann-Sophie Bohm, eine anonyme Anzeige. Die Stadträtin wehrt sich.


Anzeige wurde anonym von einem Stream-Zuschauer gestellt

Die Kinderbetreuung ist auch in Thüringen immer wieder ein Diskussionsthema. Dass diese aber bis zu einer Anzeige beim Jugendamt führt, ist doch eher selten. So passiert ist es aber der Co-Chefin der Thüringer Grünen, Ann-Sophie Bohm, und ihrem Ehemann. Die jungen Eltern sind beide Stadträte in Weimar und hatten ihr sechs Monate altes Baby schon im Juni diesen Jahres in eine Stadtratssitzung mitgenommen. Die Sitzung wurde per Livestream übertragen. Einem der Zuschauer gefiel es wohl nicht, dass ein Baby während der Sitzung ebenfalls anwesend war.

Dabei gab es durchaus Gründe das Kind mit zur Sitzung zu nehmen, wie Ann-Sophie Bohm im LandesWelle Thüringen-Interview erklärte: „Man kann ja auch nicht einfach nicht zu einer Sitzung hingehen. Beziehungsweise kann man das schon machen, aber dann verfällt die Stimme. Es war eine sehr wichtige Sitzung und deshalb hatten wir das Kind dabei. Für das Kind war gesorgt: mit Kinderwagen, Spielzeug und auch Essen und Trinken.“

Dennoch: Kurz nach der Sitzung kam die Anzeige. Die Kindeswohlgefährdung wird darin damit begründet, dass es dem kleinen Kind nicht zuzumuten sei, um solch eine Uhrzeit noch wach zu sein.
Ein Telefonat mit dem Jugendamt diesbezüglich fand bereits statt, in dem die Eltern ihre Sicht der Dinge schildern konnten. Der Sachbearbeiter des Jugendamtes hat, laut Bohms Aussage, eingesehen, dass die Anzeige haltlos ist. Sie denkt nun, dass die Anzeige wohl fallen gelassen wird.

Vereinbarkeit von Kind und Politik ist strukturelles Problem

Die Tatsache, dass sich die Anzeige für sie höchstwahrscheinlich erledigt hat, ändert aber nichts daran, dass das Grundproblem für Ann-Sophie Bohm tiefer liegt: „Als ich das Ganze im Internet öffentlich gemacht habe, haben sich auch andere, meist Frauen, gemeldet, die ähnliche Erlebnisse gemacht haben. […] Das zeigt mir, dass das ein strukturelles Problem ist.“
Eltern mit Kindern sind immer noch zu selten in der Politik generell, aber vor allem auch im Ehrenamt. Ann-Sophie Bohm fordert deshalb mehr Eltern in der Politik. Die Politik soll familienfreundlicher werden. Denn ihr Baby war nicht das erste Baby in einer Stadtratssitzung und wird auch nicht das letzte bleiben.

„Ich bin der festen Überzeugung, wir brauchen mehr Eltern in der Politik, damit Sie die Erfahrungen, was das im Alltag bedeutet, wo es Schwachstellen und Lücken gibt, mit in die Politik reintragen. Denn nur so kann das auch besser werden.“ (Ann-Sophie Bohm im LandesWelle Thüringen-Interview)

Zuspruch für Bohm von vielen Seiten

Vor allem die Solidarität, auch fraktionsübergreifend, und der Zuspruch, den Ann-Sophie Bohm aufgrund Ihrer Veröffentlichung in den Sozialen Medien erfahren hat, freuen die junge Mutter. „Ich hab sehr viele Zuschriften bekommen, auch von Leuten aus Weimar. Aber auch die Solidarität aus anderen Fraktionen, da freue ich mich natürlich sehr drüber und das stärkt auch den Rücken.“

Vor allem auch bei Twitter zeigten sich Thüringer Politiker solidarisch. Bundestagspolitikerin Katrin Göring-Eckhardt kritisierte „die katastrophalen Bedingungen für Mütter und Familien“ in der Politik.



Thüringens Infrastrukturminister Benjamin-Immanuel Hoff bezeichnete die Anzeige als „feige“.

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